Dirk Mühlenhaus: „Portraits. 33 Stilstudien von Palestrina bis Schönberg“, op. 101 – Ein Kompositionszyklus von Sigfrid Karg-Elert für das Kunstharmonium, 2004
Über einhundert Jahre lang war das Harmonium ein weitverbreitetes und vielgespieltes Instrument mit einer großen Instrumentenbauindustrie in Europa und Amerika. Namhafte Komponisten schrieben für dieses Instrument, dessen Einsatzmöglichkeiten sehr vielseitig waren. In Kirchen- und Kammermusik, Salon- und Hausmusik fand das Harmonium vielbeachtete Verwendung. Max Reger, Alban Berg, Ferruccio Busoni, Alexandre Guilmant, Charles-Marie Widor und Arnold Schönberg schufen Kammermusiken mit und für Harmonium. Gioacchino Rossinis Petite Messe solenelle steht in der Urfassung für vier Solisten, Chor, zwei Klaviere und Harmonium. Richard Strauss baute das Harmonium in seine Opern Feuersnot, Salome, Der Rosenkavalier und Ariadne auf Naxos ein. Darüber hinaus existiert eine schier unüberschaubare Anzahl an Bearbeitungen für dieses Instrument. Der Komponist mit den meisten Originalkompositionen und Bearbeitungen für das Kunst- und Normalharmonium ist zweifelsohne Sigfrid Karg-Elert (1877-1933). In seinem Œuvre bilden die Werke für Tasteninstrumente die größte Abteilung. Für ihn als ausgebildeten Pianisten ist dies zwar nicht ungewöhnlich, jedoch überraschen die sinfonischen Vorstellungen, die er von seinen Kompositionen hatte. Karg-Elert sah neben der Orgel im Harmonium das Instrument, das seine Musik am besten klanglich umsetzen konnte. Er komponierte über 40 Solo-Werke für Kunst- oder Normalharmonium, Duos für Harmonium und Klavier, unzählige Bearbeitungen von Werken anderer Komponisten, Kammermusiken und verfasste mehrere ausführliche Unterrichtswerke, in denen sich über 1000 Klangbeispiele und 200 Etüden befinden. Darüber hinaus hat sich Karg-Elert in vielen Schriften und Aufsätzen zu Fragen der Registrierung und des Instrumentenbaus geäußert. Das Kunstharmonium bot mit seiner ausgefeilten Technik vielfältigste musikalische Ausdrucksmöglichkeiten, gerade für einen Komponisten wie Karg-Elert, der der Expressivität in der Musik höchste Priorität beimaß. So war das Kunstharmonium für Karg-Elert das dynamische Instrument schlechthin.
Die Studie befasst sich einleitend mit dem Instrument selbst, seiner
Technik, seinen unterschiedlichen Typen und seiner Entwicklungsgeschichte.
Dieser 'kleinen Instrumentenkunde’ ist ein Kapitel über Karg-Elerts
Kompositionen, Bearbeitungen und seine Lehr- und Etüdenwerke für
Harmonium angeschlossen. Anhand der Verlagskorrespondenz mit dem Berliner
Verleger Carl Simon wird darauf die lange Entstehungsgeschichte der
33 Portraits (1906-1924) dokumentiert. Karg-Elert hat mit seiner Auswahl
der portraitierten Komponisten rund 400 Jahre Musikgeschichte in 33
Stücken zu skizzieren versucht. Die Analyse der Portraits erfolgt
hier exemplarisch. Es wurde bei den Werkbesprechungen ein Querschnitt
durch die Stilepochen gemacht, wobei dem letzten Drittel der Sammlung
die größte Aufmerksamkeit zukommt. Elf der 32 Komponisten
– bei Nr. 33 handelt es sich um ein Selbstportrait – waren
Karg-Elerts Zeitgenossen.
Karg-Elert bezeichnete sein op. 101 als „Compendium der gesamten
Stilarten, Techniken, Ausdruckmöglichkeiten und Formen“ (eine
Aussage, bei der man im Übrigen versucht ist, sie auf sein gesamtes
Œuvre anzuwenden). Es war für ihn dabei nicht entscheidend,
ob die Portraits als 'Stilstudie’ oder 'Stilkopie’ zu verstehen
sind. Für seine Sammlung hat er beide Bezeichnungen verwendet.
So fokussiert sich die Untersuchung auf folgende Fragen:
Wie definierte Karg-Elert ein 'musikalisches Portrait’ und den
Begriff 'Stil’?
Welche Beziehung hatte Karg-Elert zu den portraitierten Komponisten?
Was veranlasste ihn zu dem jeweiligen Portrait?
Welche Stilmerkmale, musikalische Ausdrucksmittel und Formen setzte
er ein, um seine Stilstudien als solche zu rechtfertigen?
Eine nach Karg-Elerts Tod einsetzende und etwa 40 Jahre andauernde Negierung seiner Person und seiner Musik nur auf seine Leidenschaft für das immer seltener gespielte Kunstharmonium zurückzuführen, wäre eine zu monokausale Begründung. Karg-Elert war sich der Einordnung und Gewichtigkeit der Harmoniumkompositionen in seinem Schaffen immer bewusst, hat dies jedoch selbst nie überbewertet. Entscheidender waren vielmehr die nachhaltig wirkenden Entwicklungen in der Beziehung zwischen Musik und Politik in den 1920er und 1930er Jahren. Auch fehlten in seinem Gesamtwerk populäre Formen wie Orchester-Sinfonie und Oper. Im Zusammenspiel vieler Faktoren liegen demnach die Gründe dafür, dass Karg-Elerts Leben und Werk erst seit den 1980er Jahren zunehmend aufgearbeitet und zumindest seine Orgelmusik wieder zum festen Bestandteil der Programme wurde.
Zum Autor: Dirk Mühlenhaus, geb. 1973; Studium der Musikwissenschaft, Mittelalterlichen und Neueren Geschichte an der Universität zu Köln und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; 2004 Magisterexamen (Thema: „Portraits. 33 Stilstudien von Palestrina bis Schönberg, op. 101 – Ein Kompositionszyklus von Sigfrid Karg-Elert für das Kunstharmonium“); 2005 Aufnahme von Promotionsstudien über „Karg-Elert und seine Verleger“; Praktika und Mitarbeit in verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen, Bibliotheken und Archiven (u. a. Max-Reger-Institut, Karlsruhe; Joseph Haydn-Institut, Köln; Historisches Archiv der Stadt Köln); seit 2000 Vorstandsmitglied der Karg-Elert-Gesellschaft e. V.; Vorträge und Veröffentlichungen zu Leben und Werk Sigfrid Karg-Elerts; 2004-2009 Hochschulreferent in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main; seit dem WS 2009/2010 Rektoratsreferent an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf.
e-mail: dirk.muehlenhaus@googlemail.com
Dissertation:
Seit Ende 2005 Aufnahme des Promotionsstudiums an der Universität
Bonn. Thema der Dissertation: "Sigfrid Karg-Elert und seine Verleger".